Historischer Lernort Neulandhalle eröffnet.

08.05.2019Frank Zabel

Dieksanderkoog – Der Kirchenkreis Dithmarschen hat heute (8. Mai) im Dieksanderkoog mit 230 Gästen aus Politik, Kirche, Gesellschaft und Wissenschaft den Historischen Lernort Neulandhalle eröffnet. Rund um die ehemalige Versammlungs- und NS-Schulungsstätte im einstigen „Adolf-Hitler-Koog“ ist in den vergangenen Monaten eine dauerhafte und selbsterklärende Außenausstellung zur fatalen Propaganda und Volksgemeinschafts-Ideologie der Nationalsozialisten entstanden. Das Gebäude selbst wurde in den ursprünglichen Zustand zurückgebaut und kann künftig nach Anmeldung besichtigt werden. Dithmarschens Propst Dr. Andreas Crystall: „Der Kirchenkreis Dithmarschen als Eigentümer der Neulandhalle hat in den vergangenen acht Jahren intensiv um eine gesellschaftlich verantwortliche und zugleich zukunftweisende neue Zweckbestimmung dieses historisch belasteten Ortes gerungen. Es war unsere Anstrengung und Motivation, aus der Neulandhalle einen neuartigen Historischen Lernort zu machen in Ergänzung zu den vorhandenen Gedenkstätten und Opferorten. Wir sind froh, dass dieses gemeinsam in glücklicher Kooperation mit anderen Partnern aus Land und Forschung gelungen ist.“

Landtagspräsident Klaus Schlie sagte in seiner Eröffnungsrede: „Gerade mit Blick auf die für uns heute leider wieder aktuelle Frage, wie totalitäre, menschenverachtende Regime an die Macht kommen und ihre Macht festigen, hält die Neulandhalle eine Fülle von Informationen bereit.“ Das Ineinandergreifen von vermeintlich unpolitischen Maßnahmen wie der Landgewinnung mit dem völkisch-rassistischen Gedankengut der Nazis werde hier in der Neulandhalle anschaulich gemacht „und damit in einer wichtigen Facette deutlich gemacht, wie der Nationalsozialismus funktionierte, wie er Menschen letztendlich dazu brachte, bei diesem beispiellosen Menschheitsverbrechen mitzumachen“. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seiner Verbrechen sei immer auch eine Auseinandersetzung mit der Gegenwart und der Frage, „was jeder von uns tun kann und tun muss, um eine Wiederholung dieser menschenverachtenden Epoche unserer Geschichte zu verhindern“.

Gothart Magaard, Bischof im Sprengel Schleswig und Holstein, lobte das Projekt: „Die Neulandhalle zählt zu den wenigen Orten, an denen sich die Ideologie der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft und des Lebensraumkonzeptes belegen und zugleich die menschenverachtenden Aspekte darstellen lassen.“ Dieser neu konzipierte Historische Lernort habe seine Bedeutung im Netzwerk der wichtigen Gedenkstätten im Land Schleswig-Holstein und werde zur Auseinandersetzung mit den Verstrickungen der eigenen „Heimat“ in die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte einen wichtigen Beitrag leisten.

Dr. Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), sieht in dem Lernort ein „Hoffnungszeichen“: „Die Neulandhalle ist ein einzigartiger Lernort auf der deutschen Erinnerungslandkarte. In Zeiten, in denen die deutsche Gedenkkultur angegriffen wird und vor neuen Herausforderungen steht, ist die Eröffnung ein Hoffnungszeichen. Was evangelische Kirche, staatliche Kulturpolitik und Wissenschaft hier gemeinsam mit vielen Engagierten geschaffen haben, verdient höchsten Respekt.“

Karin Prien, Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein, dankte den Initiatoren der Ausstellung: „Wir brauchen die kritische Reflexion der Vergangenheit, der Mechanismen, mit denen Hitler und die Nationalsozialisten gearbeitet haben, und mit denen Diktatoren und Ideologen in aller Welt noch heute arbeiten und noch heute Erfolg haben.“ Politik könne Rahmenbedingungen schaffen, „aber die Erinnerungsarbeit geschieht vor Ort, auch an diesem Ort. Er erinnert uns an das unendliche Leid der Opfer des Nationalsozialismus‘. Wir tragen sie in unseren Herzen und gedenken ihrer. Die Erinnerungsarbeit, die nachhaltige Schärfung des Bewusstseins, sie geschieht an Schulen, an Hochschulen, in den Kirchen – und hier“, sagte die Ministerin.

Kreispräsidentin Ute Borwieck-Dethlefs sagte in einem Grußwort: „Ob Historikerinnen und Historiker oder vor allem auch die Einwohnerinnen und Einwohner – von Anfang an wurden alle in diesen Dialog einbezogen. Diese Offenheit hat den Weg bereitet für die heutige Eröffnung als Historischer Lernort.“ Dank dieser Transparenz und des Vertrauens sei die Neulandhalle als Historischer Lernort ein Gemeinschaftswerk für den Frieden und die Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus. „Das macht aus der Neulandhalle einen Lernort, der in seiner Bedeutung weit über die Region hinausgeht.“

Die Neulandhalle war im Jahr 1935 gebaut worden – als zentraler Versammlungsort im gerade eingedeichten Dieksanderkoog (damals „Adolf-Hitler-Koog“). Mit viel Propaganda feierten sich hier Nationalsozialisten für eine „friedliche Erweiterung deutschen Lebensraums“ und die Errichtung einer „Volksgemeinschaft im Kleinen“. Das zentrale Gebäude, von den Nationalsozialisten als „Anti-Kirche“ konzipiert, wurde 1971 von der evangelischen Kirche als Stätte für ihre Jugendarbeit erworben. 2011 hat der Kirchenkreis Dithmarschen die Jugendfreizeitstätte Neulandhalle angesichts stark rückläufiger Übernachtungszahlen eingestellt. Seinerzeit entwickelte Professor Dr. Uwe Danker von der Universität Flensburg die Idee eines Historischen Lernortes. 2017 haben die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland (Nordkirche), der Kirchenkreis Dithmarschen und das Land Schleswig-Holstein eine Vereinbarung getroffen: Die Neulandhalle soll zum Historischen Lernort werden. Mit den von der Nordkirche (eine Million Euro) und vom Land (500.000 Euro) zur Verfügung gestellten Mitteln wurde der Lernort ermöglicht. Die historische Ausstellung steht vollständig im Freien. Mannshohe Buchstaben der Worte „Volksgemeinschaft und Lebensraum“ dienen als Ausstellungsflächen und beleuchten verschiedene Aspekte der Neulandhalle und ihrer Geschichte im historischen Kontext. Vorder- und Rückseiten bilden einzelne Kapitel.

Den Lernort entwickelt und umgesetzt hat eine Projektgruppe der Forschungsstelle für regionale Zeitgeschichte und Public History der Europa-Universität Flensburg. Unter der Leitung von Prof. Dr. Uwe Danker haben Doktoranden und Studierende ein geschichtsdidaktisch abgesichertes Konzept entworfen und anschließend gemeinsam mit dem Gestalter Uwe Franzen (Lüneburg) umgesetzt. Prof. Danker: „Die Neulandhalle bildet einen authentischen Ort der Manifestation der NS-Volksgemeinschaft und des NS-Lebensraumkonzeptes. Es ist kein weiterer Ort bekannt, der beide ideologischen Kernkonzepte des Nationalsozialismus so nachvollziehbar in einer baulichen Hinterlassenschaft und der sozialen Einbettung im Koog verkörpert. Hier können Fragen nach der gesellschaftlichen Verankerung der ‚NS-Zustimmungsdiktatur‘ exemplarisch bearbeitet werden.“ Damit solle eine wichtige Vermittlungsaufgabe zum historischen Verständnis des Nationalsozialismus‘ geleistet werden. „Leitgedanke ist die Janusköpfigkeit der Konzepte: Die als traditionsverbunden vermarktete Landgewinnung fand folgerichtige Fortsetzung als Lebensraumkrieg – übrigens mit identischem Personal, und das harmonische Inklusionsversprechen der NS-Volksgemeinschaft basierte auf vielfältiger, steter und gewaltsamer Exklusion.“ Die Ausstellung konfrontiere die Besucherinnen und Besucher am Ende mit zwei Fragen: „Was hat das mit mir zu tun?“ und „Wer sind heute die Anderen?“ Propst Dr. Andreas Crystall: „Wir glauben, aus der so problematischen Neulandhalle das Beste gemacht zu haben für kommende Generationen, um historisches Lernen zu ermöglichen, Verführungskräfte aufzudecken und die eigene fatale NS-Geschichte unseres Landes nicht zu verschweigen, sondern präventiv in das kollektive Bewusstsein zu integrieren.“

  • Der Verein Volkshochschulen in Dithmarschen bietet Führungen für Gruppen und Schulklassen an, die auch in der Halle stattfinden. Anmeldung unter Tel. 04832-4243. Kostenfreie Führungen werden bis Ende Oktober auch jeden Sonntag um 11 Uhr angeboten. Eine Anmeldung hierfür ist nicht erforderlich.

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